Johannesburg 2003, gefördert vom DAAD

Johannesburg_Difference_2003Kulturelle Differenz – Johannesburg Originalkonzept 2002: Südafrika ist ein Konglomerat von Welten, Zeiten und Menschen, ein verwirrendes Puzzle von unterschiedlichsten geschichtlichen Erfahrungen, gegenwärtigen Lebensumständen und Zukunftserwartungen. Wer sich aus den vielen Teilen ein einigermaßen plausibles Bild zusammensetzen möchte, muss schon geduldig und aufmerksam hinschauen und hinhören. Übrigens auch auf die eigenen, oft uneingestandenen Gewissheiten und liebgewordenen Denkgewohnheiten – man darf’s auch Vorurteile nennen. Das macht das Land für Beobachter so spannend. Die Bewohner – und dieser Wunsch immerhin eint sie – hätten es gern ein bisschen weniger spannend, mehr „normal“. Auch sie müssen sich das Puzzle Südafrika erst zusammensetzen – und in ihrem Fall nicht aus Neugierde oder Interesse, sondern um in diesem Land friedlich miteinander leben zu können. Einige haben das noch nicht begriffen, viele arbeiten daran, alle sind davon betroffen. (aus: Mandelas Erben – Notizen aus dem neuen Südafrika; Christel und Hendrik Bussiek, Dietz Taschenbuch, Bonn 1999, S.7) Seit 1999 läuft die Veranstaltungsreihe Kulturelle Transfers. Sie befasste sich bisher mit der Geschichte des kulturellen Austauschs im Mittelmeerraum und seiner Bedeutung für die kulturelle Identität Europas. In diesem Rahmen fanden Exkursionen nach Sizilien, Griechenland und Ägypten statt. Nun wird der Bogen weiter nach Süden gespannt. Dabei steht die Metropole Johannesburg als ein kultureller Motor des südlichen Afrikas im Mittelpunkt. Unser Fokus schwenkt vom Transfer zur Kulturellen Differenz. Der Pluralismus der Kulturen ist eine Prämisse der südafrikanischen Verfassung. Die Nation Südafrika, muss sich aber gleichzeitig einer Identitätskrise stellen, die in ihrem gesellschaftlichen und historischen Ausmaß weltweit einmalig ist. Nicht zuletzt unter dem Druck der Globalisierung sind viele Probleme der durch die Rassentrennung hervorgerufenen Teilung der Gesellschaft angegangen worden, wenn auch reale Gleichberechtigung immer noch unerreichbar scheint. Südafrika ist durch Sprach- und Kulturunterschiede allerdings in viel mehr als zwei Teile zersplittert – es gibt allein 11 offiziell anerkannte Sprachen. Wie wichtig die Lösung dieses gesellschaftlichen „Puzzles“ ist, macht das obige Zitat auf eindrucksvolle Weise deutlich. Gelingt es Traditionslinien und Modernität zu vereinen? Müssen Kulturelle Differenzen aufgelöst werden oder eben gerade bestehen bleiben, um eine kreative, demokratische Gesellschaft hervorzubringen? Es mussten sich Strategien entwickeln, um mit den hoch differenzierten Kulturunterschieden umzugehen und Transfers möglich zu machen ohne eine dominante „Einheitskultur“ zu inszenieren. In diesem Zusammenhang ist es interessant, Kontinuitäten und Bruchstellen in den eher traditionsbetonten Kulturen der Südafrikaner aufzuspüren. Uns interessiert besonders die Vermittlung von Kunst und Kultur innerhalb der letzen 20 Jahre, d.h. vom Ende der Apartheid über die Umbruchszeit unter Nelson Mandela bis heute. Blickt man auf Europa, ist die ambivalente Situation bestechend ähnlich. Europa wächst aus und an den Wechselbeziehungen seiner Kulturen. In der Einheit soll die Kulturelle Differenz unter allen Umständen gewahrt bleiben. Schon in einem frühen Arbeitsstadium der Projektgruppe zeichnet sich ab, dass bedeutende Parallelen und Interferenzen zwischen der deutschen bzw. der europäischen und der südafrikanischen Kultur vorhanden sind. So ist zum Beispiel der Umgang mit der eigenen Vergangenheit in Kunst, Politik und Gesellschaft ein elementares Thema beider Regionen. Möglicherweise ist Südafrika dabei weitaus flexibler und mutiger als das aufgeklärte Europa? Südafrikas Kultur, vor allem die Bildungskultur, ist durch den vorherrschenden Analphabetismus gezeichnet. Weil eine schriftliche Tradierung kultureller Prägungen oft nicht möglich ist, haben hier bildende und darstellende Künste eine sehr bedeutende, lebendigeund kulturstiftende Funktion. In Europa wird seit einigen Jahrzehnten die traditionelle Schriftkultur und mit ihr die kulturelle und kulturpolitische Dominanz der Literatur durch die neuen (Bild-)Medien bedrängt. Daraus entwickelte sich eine noch immer anhaltende Diskussion über die Bedeutung visueller und sinnlicher Vermittlung von Kultur. Die Documenta 11, die das Verhältnis von Kunst und demokratischer Weltkultur thematisiert, ist nur ein Beispiel für diese Diskussion. Wenn sich kulturelle Aspekte in der globalen Kommunikation neuen Anforderungen öffnen und dem Druck der Verwestlichung aller Kulturen widersetzen, hat das auch Konsequenzen für den Kunstbegriff und die künstlerische Produktion. Wird in dem bekannten Umfang Kunst Impulsgeber, Motor und Indikator von Kultur bleiben? Wir streben Kooperationen mit Kultur- und Bildungseinrichtungen an, in denen im weiteren Sinne Kunst vermittelt wird. Der direkte Kontakt und die Auseinandersetzung mit südafrikanischen Kulturschaffenden ermöglicht eine authentische Einschätzung der komplexen Kulturnetzwerke Südafrikas. Es geht darum, die Kulturellen Differenzen, die Unterschiede und Unterscheidungen, direkt und selbstreflektierend erfahren zu können, und zwar diejenigen zwischen den Südafrikanern untereinander und die, zwischen ihnen und uns. Ziel der Arbeit ist eine gebundene Essaysammlung, in der die angesprochenen Aspekte wissenschaftlich aufbereitet werden. Zur Veröffentlichung wird es eine Veranstaltung zum Thema geben, bei der die sinnlichen Eindrücke Südafrikas erfahrbar gemacht werden. Cultural Difference – Johannesburg South Africa is a conglomerate of worlds, time and people, a confusing puzzle of different historical experiences, current life situations and hopes for the future. Whoever wishes to put together a plausible picture must look and listen patiently as well as attentively. By the way, one must also look at the personal beliefs and habits of thinking – which one can also call prejudices. This makes the country so exciting for the observer. The inhabitants would like to have it – and this wish unites them however – slightly less exciting, more ‘normal’. They themselves must first put together the puzzle of South Africa as well – and in their case not due to curiosity and interest but in order to live peacefully together in that country. Some people have not understood that yet, many are working on it and that affects everybody. (from: Mandelas Erben – Notizen aus dem neuen Südafrika; Christel und Hendrik Bussiek, Dietz Taschenbuch, Bonn 1999, S.7)   Since 1999 the event series Cultural Transfers has been underway. This series has dealt with the history of cultural exchange in the Mediterranean and its importance for the cultural identity of Europe. Within the framework of this program there have been excursions to Sicily, Greece and Egypt. Now the circle is being drawn further south. At the centre of this circle lies the metropolis Johannesburg as the cultural motor of southern Africa. Our focus moves from Transfer to Cultural Difference. Cultural pluralism is a premise of the South African constitution. Simultaneously, South Africa has to face an identity crisis, which is worldwide unique regarding its societal and historic extent. Essentially, under pressure from globalization have many problems of this society’s segregation been tackled even though true equality still seems unreachable. However, due to language and cultural differences South Africa is broken up into more than two pieces –alone eleven officially recognized languages exist. The quote above shows in an impressive way the importance of having a solution to this ‘social puzzle’. Is it possible to unite traditional lines and modernity? Do Cultural Differences have to be abolished or do they have to stay in order to bring about a creative, democratic society? Strategies had to be developed, in order to deal with the highly differentiated cultural differences and to facilitate Transfers without mingling them together into a dominant and united culture. In this context it is interesting to find continuities and breaks in the more traditional cultures of South African people. We are especially interested in the transmission of art and culture within the last twenty years, i.e. from the end of Apartheid and the era of change under Nelson Mandela until today. Looking towards Europe, the ambivalent situation is strikingly similar. Europe is growing out of and with the interrelations of its cultures. Within unity, the Cultural Difference should be kept under all circumstances. Already in an early stage of our group project there has been an indication, that there are significant parallels and interferences between the German-European and South African cultures. For example, dealing with one‘s own past in art, politics and society are rudimentary topics in both regions. Perhaps South Africa is, when it comes to those topics, much more flexible and braver than enlightened Europe? South Africa‘s culture, especially their culture of education, is predominantly marked by illiteracy. Since a written transfer of cultural impressions is often not possible, art has a very important, vivid and culture-fostering function. For some centuries in Europe, the traditional written culture and with it their cultural and political dominance over literature has been infringed on by new forms of (visual) media. From this point on, a still continuing discussion developed regarding the meaning of visual and sensory transmission of culture. Documenta 11, which deals with the relationship of cultural and democratic world culture, is only one example of this type of discussion. When cultural aspects open themselves to new demands due to global communication and when they resist the pressures of westernizing cultures there are consequences for the meaning of culture and artistic productions. Will art in a known circle stay as an impulse emitter, motor or indicator? We are seeking cooperation with cultural or educational institutions, which convey arts in a wider sense. Direct contact with South African art producers gives us an authentic image of the complex cultural networks in South Africa. The goal is to experience Cultural Differences, the differences and means of differentiating, in a direct and self-reflecting way – including those differences among South Africans themselves and those between them and us. The aim of our project is a produce an essay collection wherein the mentioned aspects will be presented scientifically. In line with the publication of our project there will be an event where the sensory impressions of South Africa can be experienced.

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