Allgemeines Konzept

Kultur zeigt den globalen Stand im Ausdifferenzierungs- und Formierungsprozess an. Alle anderen gesellschaftlichen Kräfte messen sich an der Kultur. Ökonomie, Recht und Politik haben im globalen Vereinheitlichungsprozess einen hohen Stellenwert. Denn sie geben vor, nach welchen Inhalten Entscheidungen getroffen werden. Kultur steht hierbei demnach im Hintergrund, ist aber ein Indikator dieser Verhältnisse. Überdenkt man die faktische Zweitrangigkeit der Kultur, ergeben sich Rückschlüsse auf die Möglichkeiten gegenwärtiger Politik. Ist die Dominanz der Ökonomie gegenüber der Kultur, Wissenschaft und Kunst ein Indiz für eine unzureichende Politik? Demnach stellt die Kultur, wenn sie die gesellschaftlichen Verhältnisse anzeigt, auch die Frage: Was für eine Politik ist möglich bzw. vonnöten? Will man diese Umstände, die anzeigen, wie Kultur und Kunst funktionieren, nicht nur beschreiben, bedarf es Konzepte, die zweierlei deutlich machen.

Zum einen ist die Kultur gefordert über den Status Quo hinauszugehen, um das Regime herrschender Regeln (das allgemeine Draufloswursteln) zu erweitern.
Zum andern sind Kultur und insbesondere Kunst gefordert, ihre Valuta der Politik als Alternative zur Logik des Kapitals vorzurechnen. Dass heißt, wir vertreten die Auffassung, dass Kultur nicht bloß Defizite der Politik kompensiert oder beschönigt, sondern eigenmächtig vorschlägt, welche anderen Formen von Politik umsetzbar sind.

Von daher ist unser Ausgangspunkt politisch.

Wenn wir davon ausgehen, dass Maßstäbe westlich-europäischer Kultur und Kunst sich mehr oder weniger durchgesetzt haben, hat dies Auswirkungen auf die Position, die wir reflektieren. Hierbei beziehen wir uns insbesondere auf kulturelle Mega-Ereignisse und Mega-Ausstellungen der globalen zeitgenössischen Kunstszene. Da wir eine globale Perspektive einnehmen, müssen wir unser kulturelles Selbstverständnis in Europa bezogen auf das Verhältnis von Kunst und Politik neu einschätzen. Zugespitzt heißt das: Werden alle Kulturen von dem europäisch-westlichen Faktor geprägt, werden wir das ebenfalls.

Doch: Ist der europäische Kulturraum offen für den gegenwärtigen Prozess kulturellen Austausches?

Auf einer historischen Ebene betrachtet, war der europäische Kulturraum immer ein Projekt, in dem Kulturen sich ausgetauscht, ausgelöscht und gemischt, meist aber gleichzeitig ergänzt und abgegrenzt haben. Diesen Prozess definieren wir als „Kulturellen Transfer“. Anhand historischer Entwicklungslinien können die Austauschbeziehungen nachgezeichnet und überprüft werden. Dies trifft insbesondere auf den Mittelmeerraum der europäischen Antike zu mit den wechselvollen Beziehungen zwischen Memphis, Athen, Alexandria und Rom. Weitere Beispiele wären die Konstruktion des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation über ein Jahrtausend hinweg oder der Eroberung und Kolonisierung im Zeichen des christlichen Kapitalismus. Mit Blick auf die gegenwärtige Situation zeigen solche Traditionslinien, dass die Europäisierung der Weltkultur eine lange Vorgeschichte hat, auch wenn noch längst nicht alle Weltgegenden erschlossen sind, noch das wünschenswert wäre.

Da unsere Auseinandersetzung zu den „Kulturellen Transfers“ historisch abgeleitet ist, heißt das nicht, dass wir hieraus auch einen universellen Erkenntnisanspruch ableiten, wie das für die Verallgemeinerung künstlerischer Entwicklungsstufen denkbar wäre. Vielmehr sind wir der Auffassung, dass Beschreibungsmodelle, wie das der Hybridität, relativ sind. Auch das historische Paradigma liefert keine universellen Einsichten, die sich modellartig und terminologisch verabsolutieren ließen. Dies beinhaltet keine Kapitulation gegenüber verbindlicher Reflexion, sondern nur eine Korrektur an der uneingeschränkten Gültigkeit theoretischer Modelle. Der Gewinn liegt in der Klarstellung der Aufgabe: Wir partizipieren an dem globalen Diskurs, in dem wir uns verorten und ihn historisch reflektieren und aktualisieren. Dies können wir nicht, ohne dass wir uns einmischen.

© Arthur Engelbert, Potsdam, September 2004