concept Jerusalem 2008 | Seite 3

Unter der Figur des Tonsaugers kann vieles verstanden werden; ich möchte anregen, diese Figur sowohl metaphorisch als auch inhaltlich technologisch zu entfalten. Erste Ansätze liegen bereits vor und werden im Folgenden kurz angerissen. Die Idee des Tonsaugers sollte offen für Variationen und Modifikationen bleiben.
Lässt sich mit der Figur des „Lumpensammlers“ ein historischer Bezug herleiten, so liegen mit dem „Soundscaper“ von Murray Schafer11 und dem „Sound Walker“ von Janet Cardiff und Bures Miller12 bereits zeitgenössische Vorbilder vor: Ökologisch-ästhetische Klangstudien und topologisch-künstlerische Reflexionen zum Klangraum.
Was ist nun Geräuschabfall? Was wäre unter einem Tonsauger zu verstehen?
Geräuschabfall bezieht sich auf die hörbare Umwelt, auf den Sound der Stadt. Man kann die Stadt in akustische Räume aufteilen. Zu berücksichtigen ist dabei der Faktor Zeit. In urbanen Räumen werden Geräusche produziert, durch die die Stadt s p r i c h t. Aber nicht alles teilt sich gleichermaßen mit. Jede Straße schwingt in ihrem Rhythmus, jedes Dings rumort oder gemahnt zur Stille, jedes Gebäude krächzt vor sich hin, da Stimmen, dort Musik, hier ein nicht wahrnehmbares Blubbern: Hören ist kulturell bedingt, oft unbewusst tradiert und vor allem immer mehr technisch vermittelt. Man möchte die Hörfelder wechseln, nach Frequenzen absuchen bzw. ein- oder abschalten wie bei technischen Geräten, nur gelingt das nicht:

Nicht alles ist auf Anhieb wahrnehmbar. Und hier setzt die Figur des Tonsaugers an. Der Tonsauger sammelt „alte und neue“ Geräusche wie einst der „Lumpensammler“ oder „das Bucklicht“ Männlein übersehene, unscheinbare Gegenstände, also überhörte, unerhörte Geräusche. Der Tonsauger kennt die Fragen seiner Vorgänger: Wer nimmt das wahr, was aus dem Gesichtsfeld fällt, weil es eine akustische Fixierung in der alltäglichen Wahrnehmung gibt? Wer erinnert sich an das, was nicht im Fokus des Interesses steht? Warum sind Tonfehler Fehler, warum Tonstörungen Störungen?
Zunächst einmal hört der Tonsauger auf die zu uns s p r e c h e n d e n Dinge. Geräusche entstehen durch den Gebrauch der Dinge. Im Umgang zu den Dingen zeigt eine Gesellschaft an, auf welchem Stand ihre Kultur sich befindet. Auch w i e die Leute reden, spricht sozusagen für sich. Das Besondere an dem Tonsauger ist für uns seine Hinwendung zur s p r e c h e n d e n Stadt. Was er hört und andere überhören, zeichnet er auf: Er sammelt Töne, er hat eine ganze Bibliothek von Tönen, er weiß, dass die Dinge sich und etwas hören lassen. Die Stadt ist fühlbar; sie ist vernehmbar; sie tönt in Gebäuden, auf den Straßen, mittels der Geräte und Maschinen, im Gebrauch der neuen Technologien. Manches übersetzt oder ermittelt der Tonsauger, weil sonst die Dinge stumm bleiben würden. Deshalb ist der Tonsauger auch ein Techniker und Grenzgänger zwischen den Disziplinen. Von daher ist der Tonsauger ein überaus rechtskundiger Anwalt der Töne, der s p r e c h e n d e n Stadt, die fühlbar an einem Mangel an Realität leidet.

11 „The most important revolution in aesthetic education in the twentieth century was that accomplished by the Bauhaus. (…)
An equivalent revolution is now called for among various fields of sonic studies. This revolution will consist of a unification of those disciplines concerned with the science of sound and those concerned with the art of sound. The result will be the development of the interdisciplines acoustic ecology and acoustic design.“
Murray R. Schafer: The Soundscape. Our Sonic Enviroment and the Tuning of the World, Rochester, Vermont: Desteny Books 1994, S.205
12 Miriam Schaub,: Janet Cardiff-The Walkbook, hg. von Thyssen Bornemisza Art Contemporary Wien in Zusammenarbeit mit dem Public Art Fund New York, Wien: Verlag der Buchhandlung Walther König 2005, S.67f.

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