concept Jerusalem 2008 | Seite 2

Was bestimmt das Konstrukt gefühlter und erinnerter Realität heute? Was gehorcht nicht der Standardisierung gelebter und gespeicherter Wirklichkeit? Oder anders gesagt: Wenn das herrschende Diktat der Wahrnehmung auf eine Determination des vorfabrizierten Lebens hinausläuft, was gehört dann nicht dazu. Gibt es überhaupt etwas, was sich dem verdinglichten Konstrukt der Wahrnehmung gegenüber stellen ließe? Ausgrenzung und Eliminierung von allem, was sich nicht dem Standard fügt, machen darauf aufmerksam, dass es auch noch andere Realitätsaspekte, wie den alltäglichen Geräuschabfall gibt. Wir möchten uns mit dem Phänomen des Geräuschabfalls beschäftigen. Unser Ansatz ist von der Abfall-Diskussion zu unterscheiden.6 Das ist kurz zu erläutern.

Fayet’s Kritik an den verabsolutierenden Reinheits-Geboten der Moderne ist zuzustimmen.7 Gleichzeitig hat aber die Moderne das Reine durch das Unreine immer wieder selbst unterlaufen. Die Moderne ist also nur bedingt steril, wie auch die kapitalistische Lebensweise in der Bejahung von Anpassung und Uniformität immer auch das Unangepasste und Extravagante als Korrektiv bereithält. Es liegt in der Logik der Selbsterhaltung des westlich-kapitalistischen Systems, dass auch der Abfall wieder in den Kreislauf des Wertvollen und Nützlichen gelangen soll. Das also sollte man mit bedenken, wenn man die postmoderne Idee der Kompostierung, eine Art des Recylings von Abfall, diskutiert.8 Von daher verstehen wir unsere Überlegungen zum Geräuschabfall nicht als einen Beitrag zur Wiedergewinnung von etwas Wertlosem, wie dem akustischen Abfall, der aufbereitet werden soll, sondern wir unterscheiden zwischen dem Ungenügen an und dem Überwinden von Realität. Die Frage, die sich uns stellt, weist in eine andere Richtung; sie löst sich von Müll und Schmutz, von absurden Reinheitsgeboten.9 Wir gehen nicht davon aus, dass die Geräusche_Umwelt ein ökologisches Problem ist, wollen das aber auch nicht ganz bestreiten. Vielmehr beschäftigen wir uns damit, dass der Klang von Wirklichkeit eine Herausforderung darstellt, den Sound einer anderen Realität zu bedenken, vielleicht dadurch auch wahrnehmbar, das heißt hörbar zu machen.
Damit komme ich wieder auf die oben angeführten, tradierten Gestalten zurück. In Anlehnung an Benjamin möchten wir eine Figur in die Diskussion einbringen, die mit älteren Figuren, wie dem „Lumpensammler“, „dem buckeligen Männlein“ und „dem Engel der Geschichte“ lose in Zusammenhang steht: Der Tonsauger.
Der entscheidende Unterschied zu den überlieferten Figuren ist, dass der Tonsauger auf akustisch differenzierte Stadtlandschaften bezogen wird. Ausgehend von Rudolf Arnheims früher Analyse über den „Rundfunk als Hörkunst“ erhält man wichtige Vorgaben zu den Klangwelten der Großstadt, in denen es ein Neben- und Nacheinander der Töne gibt.10 Da ist einmal die technische Bewusstwerdung des modernen Hörens, die eine gezielte Analyse und künstliche Gestaltung von urbanen Hörräumen ermöglicht. Und zum anderen eröffnet die Trennung von Klängen hier und Rauschen dort ein besseres Verständnis der unterschiedlichen akustischen Tätigkeitsfeldern sowie dem Auf und Ab der städtischen Geräuschkulisse. Hierdurch erhält man eine Vorstellung, wie Raumbewegungen und Richtungsverläufe akustisch zu verorten sind. In diesem spezifizierten, urbanen Hörraum ist der Tonsauger anzusiedeln.

6 Die Diskussion bezieht sich auf:
Julia Kristeva: Powers of Horror. An Essay on Abjection, translated by Leon S. Roudiez, New York: Columbia University Press 1982.
Siehe auch frühe Auseinandersetzungen im deutschen Sprachraum:
Vgl. Manfred Faßler: Abfall. Moderne. Gegenwart, Beiträge zum evolutionären Eigenrecht der Gegenwart, Gießen: Focus Verlag 1991, S.196f.
Kunstforum: “Theorien des Abfalls” und “Müllkunst”, hg. von Paolo Bianchi, Bd. 167, Nov.-Dez. 2003; Bd. 168, Jan.-Feb. 2004
7 Siehe Roger Fayet: Reinigungen. Vom Abfall der Moderne zum Kompost der Nachmoderne, Passagen Verlag Wien 2003
Roger Fayet (Hg.), Verlangen nach Reinheit oder Lust auf Schmutz? Gestaltungskonzepte zwischen rein und unrein, Passagen Verlag Wien 2003
8 Vgl. Katalog New York: Abject Art: Repulsion and Desire in American Art, mit Beiträgen von Craig Houser, Leslie C. Jones, Simon Taylor, Jack Ben-Levi, Whitney Museum of American Art, 1993
9 Allein das Reinheitsgebot des „deutschen Bieres“ achten wir. Prost!
10 Siehe Rudolf Arnheim: Der Rundfunk als Hörkunst, 2. Aufl., München, Wien: Carl Hansa Verlag 1979, S.74f.

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