Konzept Jerusalem 2008

„Oh, der Lumpensammler malt Kreise
Überall an die Fensterläden.
Ich möchte ihn fragen, was mit ihm los ist,
doch ich weiß, er kann nicht reden.“
Bob Dylan
Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues again
Aus: Blonde on Blonde, 1966

Die sprechende Stadt

1. Die Idee

Ausgehend von der Überlegung, dass viele Geräusche im urbanen Alltag ausgeblendet, ignoriert und vergessen werden, möchte ich an eine alte historische Figur erinnern, die im 19. Jahrhundert Charles Baudelaire thematisiert hat. Es ist der „Lumpensammler“. Man kann diese literarische Gestalt mit dem Flaneur, den Baudelaire ebenfalls aufgegriffen hat, in Verbindung bringen. Beide Figuren sind seit Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt und literarisch oft thematisiert worden. So hat Walter Benjamin im Rahmen seiner Studien zu „Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“1 beide Figuren seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts reflektiert. Das gilt insbesondere für den „Lumpensammler“. Diesem hat er durch die Einbeziehung der märchenhaften Gestalt eines kleinen Außenseiters, der Dinge bewahrt, die nicht wertvoll sind, eine bis heute interessante metaphorische Perspektive verliehen: Gemeint ist „das Bucklicht Männlein“. Es stellt eine gedankliche Brücke dar, die zu einer anderen Art von Geschichte führen kann.2 Benjamin berichtet auch in seinem autobiographischen Roman „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ von der Figur „des buckeligen Männleins“, einem Lied aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Clemens Brentano aus dem Jahr 1806.3 Beide Gestalten, sowohl der Lumpensammler als auch „das buckelige Männlein“, finden indirekt Einlass in Benjamins Konstruktion einer anderen Geschichte.4 Der Traditionsbezug, der sich durch diese beiden Figuren vermittelt, ist mit Benjamin zu bedenken und gegenüber anderen – wie der Doppelfigur des „Schizo-Nomaden“ von Gilles Deleuze und Félix Guatari – in diesem Zusammenhang vorzuziehen,5 das heißt, ohne historische Umwege direkt auf eine zentrale Frage unserer Zeit zu beziehen:

1 Siehe Walter Benjamin: „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“, in: Das Passagen-Werk. Gesammelte Schriften V.1+2, hg. von Rolf Thiedemann und Herrmann Schweppenhäuser, 2 Bde., Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1991, S.45-59
2 Vgl. KATALOG Berlin: BUCKLICHT MÄNNLEIN UND DER ENGEL DER GESCHICHTE, Walter Benjamin, Theoretiker der Moderne: eine Ausstellung des Werkbund-Archivs im Martin-Gropius-Bau, 28. Dezember 1990 bis 28. April 1991, hg. von Werkbund-Archiv in Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Dienst Berlin, 1. Aufl., Giessen: Anabas-Verlag 1990 (Ausstellungsmagazin/ Museumspädagogischer Dienst Berlin, Nr. 28).
3 DAS BUCKLIGE MÄNNLEIN, in: DES KNABEN WUNDERHORN, Alte deutsche Lieder, gesammelt von L. Achim von Arnim und Clemens Brentano, Band 3, Erstausgabe 1806/08, 3 Bde., München: dtv 1974, S.198. (Siehe im Anhang zur Literaturliste das Lied „Das buckelige Männlein.)
4 Siehe Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, in: ders., Gesammelte Schriften I.I, hg. von Rolf Thiedemann und Herrmann Schweppenhäuser, Werkausgabe Bd. I, Frankfurt/ Main: Suhrkamp Verlag 1980, S.694-703.
5 Siehe Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin: Merve Verlag 1992, S.